Maya Müller

 

JENSEITS / AFTERLIFE

 

[Original German text of the article / deutscher Originaltext des Artikels „Afterlife“, Oxford Encyclopedia of ancient Egypt, (ed.: Donald Redford), Vol. I, Oxford University Press 2001, 32-37]

 

 

Der Glaube an das Jenseitsleben gehört zu den grundlegenden Konzepten der ägyptischen Kultur. Seit der späten Vorgeschichte erfand man Mittel, die geeignet waren, ein komfortables ewiges Leben nach dem Tod zu sichern, und diese wurden kontinuierlich weiterentwickelt bis in die Römerzeit. Dass das Jenseitsleben für die Ägypter von überragender Bedeutung war, ersehen wir schon aus der Zahl an reich ausgestatteten Gräbern, die im Niltal gefunden wurden. Sie stellen den umfangreichsten Komplex an Zeugnissen dar, der sich aus dem alten Ägypten überhaupt erhalten hat. In der Tat investierten die Ägypter einen hohen Anteil ihres Reichtums in das Jenseitsleben, mehr als jede andere Kultur der Welt. Das Jenseitsleben war ein Luxusgut, das sich nur der König und die Oberschicht leisten konnten. Zur Oberschicht gehörte der Hofstaat und die höhere Beamtenschaft, und für diese waren die höchsten Werte des Lebens die Gunst des Königs und die Aussicht auf ein schönes Jenseitsleben. Nach Auffassung der Ägypter waren die Menschen im Totenreich genauso wenig gleich wie im irdischen Leben und es interessierte niemanden, was mit den gewöhnlichen Leuten geschah nach dem Tod. Wer ein gutes Leben nach dem Tod erreichen wollte, musste während seines Lebens viel dafür tun. Man musste vor allem ein Grab bauen lassen und eine grosse Zahl von Gegenständen, die man dort zu brauchen gedachte, beschaffen. Ferner musste man Mittel bereitstellen, damit die Erben den Körper mumifizieren und das Bestattungsritual durchführen lassen konnten. Ausserdem musste ein regelmässiger Opferdienst am Grab organisiert werden, am besten, indem man die Einkünfte eines Landgutes dafür stiftete.

 

Die Quellen, aus denen wir erfahren, wie sich die Ägypter das Leben nach dem Tod vorstellten, sind ausserordentlich reich und umspannen viereinhalb Jahrtausende. Sie sind von viererlei Art:

1. Die Objekte, die man ins Grab mitnahm (ab dem mittleren 5. Jahrtausend)

2. Das Grab als Gebäude (ab Dynastie 0)

3. Die Bilder, die auf den Grabwänden angebracht sind (ab der 3. Dynastie)

4. Die Texte, die das Jenseits beschreiben (ab der späten 5. Dynastie)

 

Die grundlegende Vorstellung vom Jenseitsleben beinhaltet, dass der Körper bewahrt werden muss. Der Mensch ist im ewigen Leben genauso von der Nahrung, vom  Essen und Trinken abhängig wie auf Erden. Nach Auffassung der Ägypter ist die menschliche Existenz, sei es die zeitliche oder die ewige, nur denkbar mit einem individuellen Bewusstsein. Die Formulierung, die die Totenliteratur dafür fand, lautete, dass sich der Verstorbene immer an seinen eigenen Namen erinnern können wollte. Der Träger des individuellen Bewusstseins war aber offenbar der Körper. Nebst dem Körper hat der Mensch noch weitere Formen des Daseins zur Verfügung, die den Körper unsichtbar begleiten und verschiedene Aspekte seiner Lebenskraft verkörpern. Die ägyptischen Ausdrücke dafür, die Ka, Ba und Akh lauten, sind nicht übersetzbar, werden aber oft als „Seele“ wiedergegeben. Im Jenseits kehren sich die Dinge um: dort ist der Körper eine unbewegliche Mumie, die „Seelen“ aber können ihn zeitweise verlassen und frei umherschweifen. Das Leben im Jenseits unterscheidet sich ausserdem wesentlich von demjenigen auf Erden bezüglich des Orts, an dem man sich aufhält. Seit dem späten Alten Reich nennen die Grabinschriften sowohl den gestirnten Himmel als auch den „schönen Westen“, d.h. das Gebirge auf dem westlichen Ufer des Nils, in welches die Sonne abends versinkt, als die Regionen der Toten. Da dies zugleich der Ort ist, an dem die Götter wohnen, ist man dort den Göttern sehr nahe, und dies gilt auch für die Art des Daseins, das demjenigen der Götter gleicht. Der König ist nach seinem Tod ein Gott und sein Jenseitsleben entspricht ganz dem, was man sich unter dem Leben der Götter vorstellt; sogar die nicht-königlichen Personen können vom Mittleren Reich an zu einer Art Göttern werden im Jenseits.

 

Ein weiteres Grundprinzip lautet, dass das Jenseitsleben des Königs ganz anders aussieht als dasjenige der gewöhnlichen Sterblichen, denn der König stammt von den Göttern ab. Wir müssen daher die beiden Lebensstile des Jenseits, den königlichen und denjenigen der nichtköniglichen Personen, gesondert betrachten.

 

In der späten Vorgeschichte, von der Mitte des 5. bis in späte 4.Jahrtausend v.Chr., entwickelte sich in Ägypten erstmals eine reiche Grabkultur. Man stattete eine Minderzahl der Gräber reichlich mit Gebrauchsgegenständen und Kunstobjekten aus, so mit feinem Tafelgeschirr, Schmuck, Toilettengerät, Waffen, bemalter Keramik und Statuetten von Menschen und Tieren. Wir können daraus schliessen, dass eine begüterte Elite den Lebensstandard, den sie auf Erden gewohnt war, im Jenseits fortzusetzen gedachte. Die Funde weisen auf zwei wichtige Themen: Der Körper muss ernährt werden im Jenseits, und er muss frisch und schön erhalten werden mittels der Toilettengeräte, die die ewige Verjüngung symbolisieren. Was ferner auffällt, ist die hohe künstlerische Qualität der Dinge, die von einem starken Gefühl für Ästhetik zeugt. Schon jetzt beginnt, was bis zum Ende der ägyptischen Kultur charakteristisch bleiben sollte: Die Schönheit der Objekte und Bilder im Grab hebt die Qualität des Jenseitslebens.

 

Mit Beginn der geschichtlichen Zeit (0.-2. Dynastie) werden die Gräber, die vorher nur befestigte Gruben waren, zu Gebäuden aus Lehmziegeln. Die Könige und ihre Angehörigen liessen sich rechteckige Bauten errichten, die immer mehr Magazinräume enthalten mussten, um die zahlreichen Ausstattungsstücke zu fassen. Dazu gehörten Unmengen an Lebensmitteln in Tongefässen, Luxusgeschirr aus Stein, Werkzeug, Möbel und Spielbretter.  Ferner enthält das Grab eine Stele, die aussieht wie eine steinerne Tür. Es wurde erwartet, dass die  Priester und Angehörigen regelmässig ihre Speise- und Trankopfer vor dieser Scheintür niederlegen. Man findet jetzt schon eine oder mehrere Statuen, die den Vestorbenen darstellen und in denen er sich materialisieren kann wie in einem Körper. Die Massnahmen der Versorgung im Jenseits haben so ihre endgültige Form gefunden, die bis in die Römerzeit beibehalten werden sollte. Es wird jetzt klar: der Verstorbene braucht ein seinem (hohen) Rang angemessenes Haus für das Jenseitsleben mit allem Hausrat und Vorräten, die zu einem grossen Hauhalt mit Familie und Dienerschaft gehören. Die Scheintür symbolisiert die Fähigkeit des Toten, das Grab nach Belieben verlassen und die Opfer entgegennehmen zu können. Mit der Scheintür und der Grabstatue ist das Prinzip erfunden, dass ein kunstvoll hergestelltes Modell den gleichen Zweck erfüllen kann wie eine reale Sache; das Modell ersetzt sie aber nicht, sondern tritt ergänzend hinzu. Es gab in Ägypten keine Trennung zwischen materieller und immateriell-geistiger Existenz, wie wir dies heute gewohnt sind, sondern beides geht dauernd und unmerklich ineinander über.

 

Zu Beginn des Alten Reiches wurde der Steinbau erfunden. Die Grabanlagen der Könige und der Beamten unterscheiden sich von nun an stark voneinander. Für die Könige der 3.-6. Dynastie wurden gigantische Pyramidenkomplexe gebaut. Die Kulträume enthalten umfangreiche Zyklen von Wandreliefs, und in der Sargkammer sind seit dem Ende der 5. Dynastie die Pyramidentexte aufgeschrieben. So ist erstmals eine breite Information darüber vorhanden, wie man sich das Leben des Königs im Jenseits vorstellte. Was die Reliefs angeht, so ist ihr einziger Held der König. Wir sehen ihn am Tisch sitzen und eine unendliche Fülle an Lebensmitteln überblicken, und er wird auch als Kind dargestellt, das von einer Göttin gesäugt wird; dadurch ist seine Versorgung und Verjüngung garantiert. Daneben ist er in mehreren wichtigen Amtshandlungen begriffen: Er feiert in Ewigkeit das Jubiläum seiner Thronbesteigung, bei dem ihm alle Götter und die Höflinge huldigen. Wenn er den Göttern gegenübertritt, tut er es als einer der Ihren. Auf eine blühende Wirtschaft verweist das Eintreffen einer Flotte von Handelsschiffen. Er tötet alle Feinde und Verräter, reale und symbolische, letzteres z.B., indem er gefährliche Tiere in der Steppe oder  in den Papyrussümpfen des Nildeltas jagt. Durch diese symbolischen Handlungen wird seine eigene Lebenskraft und diejenige des ganzen Landes regeneriert und seine Macht über die Rebellen und seine Herrschaft über die Welt bestätigt.

 

Die Pyramidentexte sichern den schwierigen Übergang vom Tod des Königs zu seinem Dasein als grosser Gott im Jenseits. Ein wichtiges Thema ist die reichliche Versorgung des Verstorbenen mit Speise und Trank; dazu gehört auch, dass die Kronengöttinnen ihn täglich neu gebären, ihn an ihrer Brust nähren und ihn nie entwöhnen. So erfährt der König eine symbolische Verjüngung in Ewigkeit, ganz wie es die Reliefs in der Pyramidenanlage darstellen. Im übrigen erzählen aber die Pyarmidentexte eine andere Geschichte als die Reliefs. Der König muss aus dem Todesschlaf auferweckt werden, sich erheben und als Gott an den Himmel aufsteigen. Das kann er, weil er vom Schöpfergott abstammt. Am Anfang schuf der Sonnengott  Re, der spontan entstanden war, Shu und Tefenet, d.h. Luft und Feuchtigkeit. Sie zeugten die Himmelsgöttin Nut und den Erdgott Geb, und aus diesen entsprangen die zwei Götterpaare Osiris und Isis, Seth und Nephthys. Seth aber ermordete seinen Bruder Osiris. Nachdem aber der Sonnengott Osiris erweckt hatte, wurde er zum Herrscher des Totenreiches und sein Sohn Horus trat die Nachfolge als König auf Erden an. Jeder Pharao ist im Leben Sohn des Osiris und Sohn des Re, und im Tod wird er zu Osiris und zu Re selber. Die neun ältesten Götter stellen also die engste Familie des Königs dar. Die Pyramidentexte malen immer wieder aus, wie der tote König auferweckt und sein Körper durch die kultische Reinigung heil und unverweslich erhalten wird, wie er seine Kleider und Kronen erhält und wie seine osirianische Familie, d.h. die dritte Göttergeneration, ihm dabei behilflich ist. Ganz wesentlich ist auch die Abstammung von Re, die immer wieder beschworen wird, um den Anspruch auf die Herrschaft zu bekräftigen. Wenn der König auferstanden ist als Osiris und sein Thronanspruch vom Göttergericht bestätigt ist, kann er zum Himmel aufsteigen. Dies ist gefährlich, weil er dazu den himmlischen Fährmann braucht, der nur einen König, der ihn von seiner Macht überzeugt, zu Re übersetzt. Darum muss der König seine Ankunft im Himmel mit einer eindrucksvollen Machtdemonstration verbinden. Sein Kommen kündigt sich durch Erdbeben und Donner an, die Götter zittern, wenn sie das Schwert in seiner Hand erblicken. Er fängt dabei sogar die Götter, er kocht und verschlingt sie, um sich ihre gesamte Macht einzuverleiben. Schliesslich fährt er als Sonnengott über den Himmel oder wird ein Stern wie Orion. Wie die Sonne wird er jeden Abend von der Himmelsgöttin Nut verschluckt umd am Morgen neu geboren. Typisch ist, dass die Texte die Unvergänglichkeit des Königs, d.h. seine zyklische Erneuerung, in ganz verschiedenen Metaphern beschreiben, als Sonne in ihrem Kreislauf, als Zirkumpolarstern, als täglich neugeborenes Kind der Himmelsgöttin oder der Kronengöttinnen.

 

Die Pyramidenkomplexe sagen aus, dass der verstorbene König nun definitiv ein Gott ist, der seinen Tempel und seinen Kult haben muss, damit er, wie alle anderen grossen Götter, zum Segen des Landes wirken kann. Die Texte bezeugen seine Integration in seine göttliche Familie. Die Reliefs zeigen seine spezifische Rolle als Gott: Die Riten des Sieges über die Feinde und der Erneuerung des Lebens sind die Aufgaben des Königs, der die irdische Welt beherrscht und regeneriert,  in Analogie zum Sonnengott, der den Kosmos beherrscht und regeneriert. Dies ist der Sinn der immensen Investition, die er zu Lebzeiten in die Grabanlage tätigte.

 

Die Reliefs in den Gräbern der hohen Beamten schildern das Jenseitsleben als ein Spiegelbild des Lebens auf Erden. Zentral ist auch hier die Versorgung mit Speise und Trank. Aber im Gegensatz zum König, der zum Gott wird und zu seiner göttlichen Familie eingeht, lebt der Grabherr im Jenseits mit seiner irdischen Familie zusammen. Er geht auf die Jagd in der Steppe und im Papyrussumpf. Vor allem aber überwacht er das Wirtschaftsleben, d.h. die Land- und Viehwirtschaft, die handwerkliche Produktion von Gütern und den Transport, Tätigkeiten, die in vielen Szenen liebevoll ausgemalt werden. Den Übergang des Verstorbenen ins Jenseits beschreiben uns keine Texte, sondern die Bilder des Bestattungsrituals. Aus den spärlichen Inschriften erfahren wir nur, dass er „auf den schönen Wegen des Westens wandeln“ will. Der verstorbene Beamte ist kein Gott, aber ein akh-spirit, der über generative Kräfte verfügt. Er bewirkt, dass die Arbeiten auf den Feldern und in den Werkstätten gesegnete Prosperität bringen. Er hält denjenigen Ausschnitt der Welt, der ihm im Leben zugeteilt war, am Laufen. 

 

Die königlichen Grabanlagen des Mittleren Reiches sind so stark zerstört, dass wir nichts Neues erfahren über die Vorstellungen vom Jenseitsleben. Hingegen verfügen die Beamten und Gaufürsten nun über ihre eigene Textsammlung, die ihnen die nötige Information über das Jenseits vermittelt, die sog. Sargtexte. Sie sind von den Pyrmidentexten abgeleitet und der Verstorbene wird nun, wie der König, als „Osiris“ angeredet. Dieser Gedanke bleibt bis in die Römerzeit verbindlich: Der Verstorbene teilt das Schicksal des gestorbenen und auferstandenen Gottes, der über die Toten herrscht. Die Ägypter hatten eine andere Vorstellung von den Grenzen des Individuums als wir heute. Diese sind nicht fest, der Tote ist wandelbar, durchlässig, kann sich in verschiedene Götter hineinversetzen und wie sie handeln, er kann sich ihre Persönlichkeit leihen, bleibt aber zugleich er selber. Die Existenz bei Re und bei Osiris wird etwa gleichwertig gewünscht und beschrieben. Daneben will er frei sein, das Grab zu verlassen und an die Sonne zu gehen, sich in verschiedene Götter zu verwandeln, im paradiesartigen Opfergefilde zu essen, oder sich von Göttinnen umsorgen zu lassen. Erst aber muss er vom Gericht freigesprochen sein. Die Rechtfertigung funktioniert gemäss dem Horus-und-Seth-Paradigma: Seth ist der mythische Rebell, der sich gegen die Ordnung der Götter verging, indem er seinen Bruder ermordete und sich an die Stelle des legitimen Erben Horus setzen wollte. Ebenso bekommt der Verstorbene Recht gegen die Feinde, die ihm seinen Platz im Jenseits streitig machen wollen. Der Tote mobilisiert seine ganze magische Kraft und sein Wissen, um den Angriff der Feinde abzuwehren. Er könnte in die aufgespannten Fischnetze oder in den Schlachthof der Dämonen geraten; vor allem aber wehrt er sich aufs heftigste dagegen, auf ewig zu den Verdammten zu gehören, die auf dem Kopf gehen, Faeces essen und Urin trinken müssen. Dies ist der Inbegriff des Entsetzlichen, das den Rebellen geschieht. Bei der Rechtfertigung des Verstorbenen geht es nicht um persönliches ethisches Verhalten, sondern darum, nie ungehorsam gewesen zu sein und sich immer und unbedingt der Herrschaft und Ordnung der Götter und des Königs unterworfen zu haben.

 

Die Hofbeamten haben auch die Pyramidentexte in ihren Gräbern, das königliche Privileg ist gefallen. An den Reliefs in ihren Gräbern ändert sich nicht viel, ausser dass einige neue Themen aus dem Leben des Grabherrn, die die erweiterten Kompetenzen der Lokalfürsten zeigen, hinzutreten, z.B. der Transport einer eigenen Kolossalstatue.

 

Am Anfang des Neuen Reiches trat ein Entwicklungsschub in Bezug auf die Vorstellungen vom Jenseitsleben ein. Alles veränderte sich: die Grabarchitektur und die Bilder und Texte, die sich darin befanden.  Weiterhin entwickelten sich die Bereiche des Königs und der Beamten getrennt. Erstmals wird nun das Jenseits abgebildet. Die Königsgräber sind unterirdische Stollen, an deren Wänden die sog. Unterweltsbücher angebracht sind. Sie enthalten einen wissenschaftlich exakten Bericht darüber, dass der Sonnengott Re in den zwölf Stunden der Nacht durch die Unterwelt fährt und was dabei geschieht; dabei ergänzen sich Bilder und Text nach dem Prinzip des modernen comic book. Re reist in der „Barke der Millionen“, in der die seligen Toten Platz nehmen, auf einem Fluss, an dem Osiris mit zahlreichen Göttern, Dämonen, seligen und verdammten Toten wohnt. Der Sonnengott lässt den guten Toten Wohltaten zukommen, die Rebellen aber müssen Höllenqualen erleiden. Wo er  vorbeigezogen ist, liegt alles wieder in Finsternis und Todesschlaf. Jede Nacht lauern die Rebellen, die sich gegen die Ordnung des Schöpfergottes auflehnen, an seinem Weg, verkörpert in der Schlange Apophis, werden aber immer niedergemetzelt. Nachdem sich Re in der Schlange, die die Zeit verkörpert, verjüngt hat, entsteht er neu im östlichen Horizont. Die tägliche Neugeburt der Sonne war für die Ägypter das Paradigma der ewigen Regeneration, an der die Menschen, der König, die Götter und die ganze Schöpfung teilhaben.

 

Die meisten Unterweltsbücher erwähnen den König nicht explizit, nur die Sonnenlitanei schildert sein Schicksal im Jenseits. Das neue Konzept für die jenseitige Existenz des Königs besagt, dass er sowohl mit Re als auch mit Osiris eins ist und dass Re und Osiris allnächtlich ineinander eingehen. Trotz dieser stolzen Gleichsetzung mit den Göttern läuft er Gefahr, den Dämonen in die Hände zu fallen, die ihn schlachten, zerreissen und vernichten könnten. Der Text gibt keinen Grund für diese erstaunliche Bedrohung an. Offenbar setzt sich hier eine Skepsis über die göttliche Natur des Königs durch, auch wenn sie noch so inständig beteuert wird. Im Neuen Reich ist der Totentempel getrennt vom Grab und dient nicht mehr allein als Kultstätte des Königs, sondern steht auch anderen Göttern offen; dank der Fusion der Kulte lebt der König dort in Ewigkeit in Wohngemeinschaft mit seiner göttlichen Familie.

 

Das sog. Totenbuch ist die neue Spruchsammlung, die den Beamten alles nötige Wissen über das Jenseitsleben vermittelt. Es setzt sich ebenfalls aus Texten und Bildern zusammen, die auf Papyrus oder an den Grabwänden erscheinen können. Der Verstorbene möchte aus dem Grab herausgehen und sich frei bewegen können; er möchte jegliche Gestalt annehmen und sich im Gefolge des Osiris oder des Re befinden. Ein guter Ort ist auch das reiche Opfergefilde, wo man in Fülle lebt, wandelt, isst und zeugt. Charakteristisch für das Totenbuch sind die vielen Examina, die der Tote bestehen muss, um alle Anfeindungen der Dämonen, die ihn oder sie den höllischen Strafen überantworten wollen, abzuwehren. Das wichtigste ist das Totengericht, bei welchem er alle denkbaren schlechten Taten aufzählt, die er nicht begangen habe. Damit übernimmt der Verstorbene erstmals ethische Verantwortung für seinen oder ihren Lebenswandel auf Erden: Schlechte Taten ziehen Strafe nach sich. Zugleich verlässt man sich aber auf die Macht der magischen Verleugnungslitanei. - Der Text ist voll von anspruchsvollen theologischen Erwägungen über Re und Osiris und das Verhältnis der beiden zueinander. Auch hier ist eine grössere Skepsis zu spüren, ob die Worte und die Bilder die erhoffte Wirkung zeitigen, immer eindringlicher und wortreicher muss beteuert werden, dass der Verstorbene unversehrt und unangreifbar wie ein Gott sei.

 

Im frühen Neuen Reich breiten die Reliefs und Malereien an den Grabwänden eine Fülle von Szenen aus dem Leben auf Erden vor uns aus. Die hohen Hofbeamten lassen mit Vorliebe diejenigen Amtshandlungen darstellen, die sie in Gegenwart des Königs vollziehen. Ferner sind die Gräber sehr reich mit schönen Toilettengeräten ausgestattet, die die Unversehrtheit des Körpers symbolisieren. Mit der Zeit nehmen aber die Illustrationen zum Totenbuch immer mehr zu, bis die Bilder aus dem täglichen Leben so gut wie ganz verschwinden. Die Entwicklung zeigt, dass man den Bildern vom Leben auf Erden keine heilbringende Wirkung mehr zutraute, weder für den Verstorbenen, noch für seine Nachkommenschaft im Diesseits.

 

Gegen Ende des 2. Jahrtausends v.Chr. ändern sich die Vorstellungen vom Jenseits nochmals drastisch, weil seit der Dritten Zwischenzeit das Königtum geschwächt ist. An Königsgräbern gibt es nur noch diejenigen der 22./23.Dynastie in Tanis, die sehr viel kleiner sind als früher und nur einige Auszüge aus Unterweltsbüchern und dem Totenbuch aufweisen. Allgemein fällt auf, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dem königlichen und dem nicht-königlichen Jenseitsleben. Die königlichen Unterweltsbücher stehen allen zur Verfügung. Vom 11. bis ins 8. Jahrhundert gibt es keine Gräber mit Wandbildern mehr, die Darstellungen und Texte über das Jenseitsleben verlagerten sich auf die bemalten Särge und Papyri. Es handelt sich um Zitate aus dem Totenbuch und aus den Unterweltsbüchern, die immer reicher illustriert werden, bis fast nur noch die Bilder übrig bleiben. Seit der späten 25. Dynastie (um 700) entstehen wieder reiche Beamtengräber mit Wandbildern und Inschriften. Einige davon sind riesige Paläste, die alles Frühere übertreffen. Die Besitzer waren Gelehrte, die über bedeutende historische Kenntnisse verfügten und diese dazu benutzten, in ihren Gräbern eine Sammlung von Zitaten aus allen älteren Bildthemen und Totentexten anzubringen.

 

Aus der Perserzeit (5.Jh.) sind keine Begräbnisse überliefert. Hingegen wurde in ptolemäischer und römischer Zeit die Tradition der bebilderten Gräber weitergeführt, teils in ägyptischem Stil, immer öfter aber in einem hellenistisch-ägyptischen Mischstil. Ausserdem finden sich Unterweltsbücher auf grossen Steinsarkophagen und Totenbuchsprüche, die direkt auf die Mumienbinden gemalt wurden. Es wurden auch zwei neue Texte geschaffen, die neue Perspektiven für das Jenseitsleben eröffnen: Der Verstorbene lässt sich von den Göttern per Dekret die Luft zum Atmen - d.h. das ewige Leben - zusichern, und er oder sie verschafft sich Zugang zum Diesseits, um an den Götterfesten in den Tempeln teilzunehmen. - Im 2. Jahrhundert n.Chr. verschwinden die alten Vorstellungen vom Jenseitsleben infolge der Christianisierung.

 

Die Bilder und Texte, die die alten Ägypter schufen, stellen im allgemeinen keine Emotionen dar. Es ist daher nicht leicht zu sagen, welches ihre Einstellung zum Tod war. Seit dem Mittleren Reich (um 2000 v.Chr.) findet man aber in vielen Gräbern eine Anrede an die Besucher , die lautet: „Oh ihr, die ihr zu leben liebt und zu sterben hasst“. In der Tat gibt es aus allen Epochen Aussagen, die bezeugen, dass ein langes Leben als das höchste Gut auf Erden galt. Im Neuen Reich setzen bittere Klagen ein über die Finsternis und Einsamkeit, die im Jenseits herrschen. Vor allem formuliert man seit etwa 1000 v. Chr. die traurige Gewissheit, dass man dort das individuelle Bewusstsein verliere und in einem dumpfen Schlafzustand verharre. Diese Erkenntnis führte aber nicht zu einem neuen Konzept vom Jenseitsleben, der alte Glaube blieb vielmehr bestehen. Man lernte zu leben mit dem Zwiespalt zwischen Skepsis und Vertrauen gegenüber den alten magischen Mitteln, die ein Jenseitsleben in Bewusstsein und Schönheit sicherten.