Maya Müller

 

RELIEF / RELIEF SCULPTURE

 

[Original German text of the article / deutscher Originaltext des Artikels „Relief Sculpture“, Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt, (ed.: Donald Redford), Vol. III, Oxford University Press 2001, 132-139]

 

Das Relief war das wichtigste und verbreitetste künstlerische Medium überhaupt, das die Ägypter verwendeten. Es entstand auf der Schwelle zur historischen Zeit, gegen Ende des 4. Jahrtausend v. Chr., zugleich mit der Erfindung der Schrift, in seiner frühesten Form. Das eigentliche Relief, so wie die Ägypter es verstanden, diente der Dekoration der Wände von monumentalen Steinbauten. Sein Gebrauch war auf den sakralen Bereich beschränkt, denn nur die Tempel und Gräber waren aus Stein gebaut, die Wohnhäuser und Paläste dagegen aus Lehmziegeln. Das ägyptische Relief hat ein spezifisches Ansehen, das es nur im Niltal gibt und sonst nirgends auf der Welt. Es ist ungewöhnlich flach - die Höhenunterschiede betragen selten mehr als einige Millimeter - und es ist meistens bunt bemalt. Es besteht stets aus Bild und Inschrift. Es überzieht die ganze Wand mit Ausnahme einer niedrigen Sockelzone, nicht nur einzelne architektonische Elemente oder Wandabschnitte. In der 4. Dynastie fing man an, die Gebäude mit Reliefs auszuschmücken, und sie eroberten mit der Zeit sämtliche Wände eines Raumes und sämtliche Räume eines Gebäudes, innen und aussen, einschliesslich der Türumrahmungen, Säulen, Architrave und Decken. In den Tempeln findet man fast ausschliesslich Reliefs, in den Gräbern ist es zwar sehr häufig, konnte aber gelegentlich durch Wandmalerei ersetzt werden. Schon früh war die Sakralarchitektur nicht mehr denkbar ohne Reliefs, und es entstanden im Lauf der ägyptischen Geschichte eine derartige Menge, dass sie, wenn man sie nebeneinander stellte, viele Kilometer/Meilen bedecken würden. Sie enthalten ein Kompendium der Religion, das aber den Wissensstand der ägyptischen Theologen voraussetzt und für uns Heutigen sehr schwer zu interpretieren ist.

 

Die Königsgräber und Tempel waren Götterresidenzen, in denen sowohl der verstorbene König als Gott, als auch alle anderen Gottheiten wohnten. Die Botschaft der Reliefs und Inschriften richtete sich in erster Linie an den Inhaber, sie waren nicht ein Medium der Kommunikation mit der Bevölkerung. Die Bauinschrift von Edfu sagt, dass Priester und Gelehrte kommen sollten, um den Tempel anzusehen und das Werk des Königs zu bewundern (um 100 v. Chr.). Über die direkte Funktion der Reliefs gibt es keine Quellen. Es ist aber klar, dass die Reliefs eine politisch-theologische Aussage über den König als Lenker der Welt machen. Die Reliefs zeigen, dass er es ist, der die Hauptrolle innehat, nicht die Götter: Er besiegt die Feinde, vollzieht alle denkbaren rituellen und symbolischen Handlungen, feiert Feste und agiert als Priester. Die Götter unterstützen ihn liebevoll dabei. Politik und Theologie können nicht getrennt werden in Ägypten, weil der Herrscher zugleich ein Gott ist. Viele Szenen beschreiben Rituale, die im Tempel vollzogen werden, viele reflektieren ein hochentwickeltes theologisches Wissen um die Vorgänge, die sich in einer höheren Sphäre zwischen den Gottheiten und dem König abspielen und die der Erhaltung der Welt dienen. Die Reliefs bestätigten offenbar den Konsens der Oberschicht über die Rolle des Königs. Die Bauwerke insgesamt sind eine Demonstration von Macht und Grösse des Herrschers.

 

Die Gräber nicht-königlicher Personen sind deren Residenz für das Jenseitsleben. Die oberirdischen Räume, wo sich die Reliefs und autobiographischen Texte befinden, waren für Angehörige und Besucher zugänglich. Die Bilder konzentrieren sich besonders auf die Arbeit der Unterschicht, die vom Grabbesitzer initiiert und kontrolliert wird; es geht um die Produktion von Lebensmitteln und Gütern und die Reproduktion des Viehs. Das Grab soll den Namen des Besitzers leben lassen und sein segensreiches Wirken perpetuieren.

 

Die frühesten Reliefs erscheinen an grossen Weihgaben, die in die Tempel gestiftet wurden, wie Schminkpaletten und Keulenköpfe der Dynastie 0 (um 3100). In frühdynastischer Zeit finden sich die ersten Stelen. Das sind persönliche Memoriale, die zu den Gräbern gehören und später in immer grösserer Zahl auch zu den Tempeln. Sie sind die wichtigsten Träger von Reliefs nebst den Wänden von Gebäuden. Ab der 3. Dynastie beginnen die Wände der königlichen Pyramidenkomplexe, Tempel der Götter und Gräber der Beamten, sich mit Reliefs zu überziehen. Zur gleichen Zeit setzen auch die Felsreliefs ein, die man bei den Minen und Steinbrüchen des Sinai, der östlichen Wüste und Nubiens antrifft; sie repräsentieren die ägyptische Herrschaft am  Rand der zivilisierten Welt. Auch grosses steinernes Mobiliar der Tempel wie Altäre, Schreine, Obelisken und Pyramidia können mit Reliefs verziert sein, und in den Gräbern sind es die Sarkophage. Die Statuen tragen Reliefs auf dem Sockel und dem Rückenpfeiler, und ab dem 11. Jahrhundert v. Chr. können sogar auf der Figur selber Darstellungen eingemeisselt sein. Kleine Luxusobjekte des Haushalts wie Kästchen, Gefässe und Möbel können Reliefs aus Holz, Fayence und Metall haben.

 

Die Herstellung eines Wandreliefs ist aufwendig. Es ist immer eine Teamarbeit, an der mindestens drei spezialisierte Künstler teilnehmen. Zuerst bringt der Zeichner mit Pinsel und Tusche die Vorzeichnung auf der Wand an. Dann tritt der Bildhauer in Aktion, der die Darstellungen und Hieroglyphen ausmeisselt. Und schliesslich erscheint der Maler, um das Bild so vollständig zu bemalen, wie wenn es sich um Wandmalerei handelte. Heute allerdings ist die Farbe nur noch an wenigen Orten erhalten. Das Relief wurde in zwei Techniken ausgeführt: Die eine Art ist das erhabene Relief, bei dem sich die Figuren einige Millimeter über den Grund erheben. Die andere Art ist das versenkte Relief. Hier wird der Umriss der Figuren einige Millimeter in den Grund eingetieft. Wenn das Licht über das Bild streift, entstehen starke Schatten in den Vertiefungen, daher wurde diese Technik für Reliefs an den Aussenwänden von Gebäuden angewandt. Über die Werkstätten sind wenig Nachrichten überliefert. Die wichtigsten Werkstätten waren immer dort, wo der König residierte, denn er war der Auftraggeber der Tempel und der königlichen Grabanlage. Und wo der König lebte, lebten auch die hohen Beamten, die die Auftraggeber ihrer Gräber waren. Das Relief, dessen Herstellung bedeutende Mittel erfordert, ist eine typische Hofkunst, und es ist oft ein Qualitätsgefälle feststellbar vom Hof zur Provinz und zu den weniger begüterten Auftraggebern.

 

Es sind keine Namen von Künstlern, die in Relief arbeiteten, und selten persönliche Stilmerkmale überliefert. Dazu hätte es einer hochgezüchteten Vorstellung von Individualität bedurft, die jedoch erst bei den alten Griechen entstanden ist. Das ägyptische Relief ist vielmehr durch eine starke Bindung an die Tradition gekennzeichnet. Die Regeln der Kunst bildeten sich am Anfang der historischen Ära heraus und wurden in den Werkstätten jeder neuen Generation als ein kostbares Gut weitergegeben. Darum vollzog sich von der 1. Dynastie bis zur Römerzeit nur ein allmählicher, wenig auffälliger Stilwandel. Die Initiative zur Innovation lag ganz beim König, und so kommt es, dass unter jedem neuen König eine neue Stilvariante entwickelt wurde. Stilunterschiede, die zwischen Reliefs aus der gleichen Zeit bestehen, stehen am ehesten mit der Art der Aufgabe in Zusammenhang, die der Werkstatt gestellt war, d.h. es wurde unterschiedlich gearbeitet, je nach der Funktion des Gebäudes, der Grösse des Reliefs oder der Gesteinsart, die verwendet wurde. Nur selten können wir einen Stil einem bestimmten Ort zuordnen.

 

Schon mit dem ersten Erscheinen des Reliefs in der Dynastie 0 sind die Konventionen der Darstellung weitgehend ausgebildet. Das Relief ist so gut wie zweidimensional, es kennt die Perspektive nicht. Die menschliche Gestalt, die Tiere, Pflanzen und Dinge werden nach festen Regeln aufgebaut, die sich während drei Jahrtausenden nur unwesentlich ändern sollten. Ebenso streng geregelt ist die Art, wie man mehrere Figuren zu einer gemeinsamen Handlung, d.h. einer Szene, zusammenfügt, und wie man eine Wand gliedert. Es handelt sich um ein einzigartiges Produkt des ägyptischen Geistes, das zu den auffallendsten visuellen Merkmalen dieser Kultur gehört. Am Anfang sind die Proportionen der Figuren noch unsicher, in der 3. Dynastie ist das System aber bereits voll entwickelt. Betrachten wir eine stehende Figur eines Königs, Gottes oder Grabbesitzers, wie sie zu vielen Tausenden zu allen Zeiten vorkommen: Die Figur ist fast nur durch ihren Umriss bestimmt, sie ist eine gezeichnete Silhouette mit minimaler Tiefe, feinste Abstufungen innerhalb weniger Millimeter ergeben die Modellierung . Der Körper ist sehr schlank, aber natürlich proportioniert. Die Blickwinkel, unter denen die einzelnen Körperteile gesehen werden, sind sehr unterschiedlich: Den Kopf sieht man von der Seite, das Auge aber von vorne. Die Schulterpartie ist von vorne gesehen, der Rumpf von den Achselhöhlen an abwärts etwa von der Seite, auch die Arme und Beine sind von der Seite gesehen. Der Betrachter realisiert aber nicht, dass sich die Körperteile in ihren Stellungen widersprechen, weil der Körper praktisch flach und ohne Knochen und Muskeln dargestellt ist.

 

Der Aufbau der Figur macht es offensichtlich, dass der ägyptische Künstler ein ganz anderes Verhältnis zur Realität, d.h. zu Raum und Zeit, hatte als der europäische seit der klassischen Antike. Der Körper entwickelt sich nicht im Raum, er nimmt keine Tiefe ein, sondern es liegen alle Teile genau parallel zur Bildfläche. Dank dieser zweidimensionalen Ausführung ergeben die Umrisslinien geometrische Figurationen: Der Oberkörper bildet ein symmetrisches Dreieck, und dasselbe gilt für die Beine mit dem Becken. Der Körper ist somit nach zwei widersprüchlichen Prinzipien aufgebaut: Er kombiniert die natürlichen Proportionen mit dem symmetrischen Doppeldreieck. Diese Verbindung ist es, die den „typisch ägyptischen“ Eindruck hervorruft.

 

Die Figuren werden zu Gruppen von mehreren Personen zusammengestellt, die zusammen etwas tun. Die Figuren stehen alle auf einer horizontalen Linie. Da es keinen Raum gibt, können die Figuren nur von links nach rechts aufgereiht sein oder umgekehrt. Es wurden zwei Mittel verwendet, um die Figuren miteinander in Beziehung zu setzen: die Überschneidung und die Symmetrie. In vielen Fällen überschneiden sich die Figuren so stark, dass sie eine enge Staffel bilden. Es kommen hauptsächlich zwei Arten von Symmetrie vor: die translationale Symmetrie, bei der eine Figur oder ein Motiv mehrmals wiederholt wird, indem man es seitwärts verschiebt; und die axiale Symmetrie, bei der eine Figurengruppe oder ein Motiv aus zwei spiegelbildlichen Hälften besteht. Oft werden auch beide Arten kombiniert. Bewegung entsteht durch Anordnung der Figuren oder ihret Extremitäten in diagonaler Richtung, und zwar gerne parallel zueinander. Die Komposition der Gruppen hat oft ornamentalen Charakter, bezeichnend ist ein schöner Gleichklang der Linien, eine virtuos gehandhabte Ästhetik der Regelmässigkeit, eine Harmonie, die von der Symmetrie ausgeht.

 

Eine Wand wird gewöhnlich in mehrere Streifen eingeteilt, die durch horizontale Linien getrennt sind. Diese Ordnung wird aber immer wieder unterbrochen, weil Götter, Könige und Grabbesitzer viel grösser dargestellt sind als gewöhnliche Leute und mehrere Reihen von kleinen Szenen zusammenfasseb. Besonders wichtige Szenen werden zweimal spiegelbildlich wiederholt, und zwar oft neben einer Tür.

 

Das Relief stellt, da es fast zweidimensional ist, nur sehr bedingt die räumlich-zeitliche Realität dar. Die Geometrie und die Symmetrie, die darin wirksam sind, veranschaulichen eine überzeitlich unveränderliche Welt. Die Ägypter waren wenig interessiert an den einmaligen, flüchtigen historischen Ereignissen, sondern vielmehr an den feststehenden Verhaltensmustern, an einer harmonischen Ordnung. Das Darstellungssystem beweist: es findet wenig Entwicklung statt, aber man hat die Sicherheit, dass die Welt so, wie sie ist, in Ordnung ist und immer so bleiben wird.

 

Was die Stilentwicklung angeht, so ändern sich vom Alten Reich bis in die 18. Dynastie vorwiegend die Proportionen der Figuren. Eine wesentliche Stiländerung ist aber charakteristisch für die Amarnazeit. Alles wird von einer grossen Dynamik erfasst. Es werden lauter aktuelle Handlungen des Königs und der Grabbesitzer dargestellt, die an konkreten Schauplätzen wie den Tempeln und Palästen der Stadt Amarna stattfinden. In der 26. Dynastie tritt das erstaunliche Phänomen des Historismus auf: In den Gräbern reicher, gebildeter Beamter erscheinen Reliefs in Stilen mehrerer früherer Epochen. Von der 30. Dynastie bis in die Römerzeit ist stellenweise ein hellenistisch-ägyptischer Mischstil anzutreffen. Eine letzte wirkliche Stiländerung ist in den Tempeln der Ptolemäerzeit zu beobachten: Das Relief ist etwas höher und die Figuren haben etwas mehr Körperlichkeit, da sie mit weichen Wölbungen modelliert sind. Der freie Platz um die Figuren ist dicht mit kleinteiliger Ornamentik gefüllt. Sehr typisch ist die Einordnung der Szenen auf den Wänden in ein regelmässiges System von Rechtecken, das leblos und starr wirkt.

 

Im frühen Alten Reich, unter König Snofru, um 2500, erscheinen erstmals Serien von Reliefszenen an den Wänden im königlichen Pyramidenkomplex. Das Dekorationskonzept, das von  da an gültig bleiben sollte, ist schon weitgehend vorhanden: Die Sockelzone der Wand enthält eine Reihe von Nilgöttern, die die Fruchtbarkeit des vom Nil bewässerten Bodens darstellen. Auf dem Bildstreifen darüber treten eine Reihe von Szenen auf, die jede den König bei einem rituellen Akt zeigen, sei es allein oder mit einer Gottheit zusammen. Der König kann neben einem symbolischen Objekt stehen, oder er führt einen Lauf aus und hält symbolische Objekte in den Händen. Er hebt eine Keule, um einen am Boden liegenden Feind totzuschlagen, oder er steht in einem Boot im Papyrussumpf und jagt Vögel. Oft steht er neben einer Gottheit, die ihn umarmt oder küsst. Er kann der Gottheit auch einfach gegenüberstehen, wobei beide ein Zepter halten, oder die beiden führen gemeinsam das Ritual der Gründung eines Tempels aus, indem sie z.B. Stäbe in den Boden schlagen. Über dem König schwebt oft ein Falke oder Geier, zwei schützende Mächte, mit denen er verbündet ist. Oben ist die Wand durch ein schmales, mit Sternen bedecktes Band abgeschlossen, das den Himmel darstellt. Der König trägt einen kurzen Schurz, der in mehreren Varianten auftritt, an dessen Gürtel stets ein Tierschwanz hängt, und mehrere Typen von Kronen. Wenn er in einen kurzen oder langen Mantel gehüllt ist, geht es darum, das Jubläum seiner Krönung zu feiern.

 

An Szenen, die in der 5. Dynastie hinzukommen, seien einige genannt, die zeigen, was die Götter für den König tun: Eine Göttin säugt stehend den als grosses Kind dargestellten König. In einer grossen Huldigungsszene thront der König zwischen zwei Göttern, die ihm Leben spenden, während lange von Reihen von Göttern und Höflingen ihn beglückwünschen. Andererseits erscheint der Herrscher in Gestalt eines Sphinx, der die Feinde niedertritt. Die Gottheiten werden als Männer und Frauen dargestellt, die oft ein kronenartiges Symbol auf dem Kopf tragen. Einige Götter haben einen Tierkopf oder einen mumiengestaltigen Körper. - Die Art, wie König und Götter miteinander umgehen, zeigt, dass er voll integriert ist in seine göttliche Familie, und überdies ist der König so oft dargestellt, dass es klar wird, dass er der wichtigste und aktivste Partner ist. Die erwähnten Merkmale von König und Gottheiten - Trachtelemente, Insignien, Tierköpfe und Kronen - können in vielen verschiedenen Kombinationen vorkommen und bilden ein komplexes Zeichensystem, das etwas aussagt über Charakter, Rang und Funktion des Trägers in einem bestimmten Kontext; die Ägyptologie ist noch weit davon entfernt, es fertig entschlüsselt zu haben.

 

Ab dem Mittleren Reich werden die Opferszenen immer häufiger, in denen der König einer Gottheit eine Gabe überreicht; er tritt hier in der Rolle des Priesters auf. Ab dem Neuen Reich werden Rituale wie die tägliche Pflege des Kultbilds gerne ausführlich als Folge von vielen Szenen geschildert. Dazu kommen Prozessionen, Feste und mythische Ereignisse. Schliesslich stellt man sogar historische Ereignisse dar, wie besonders siegreich bestandene Kriege. Den Szenen von Eroberungen und Schlachten wird dadurch eine tiefere Bedeutung verliehen, dass sie über den aktuellen Anlass hinaus ganz allgemein die Vernichtung der Feinde durch den göttlichen König demonstrieren und dadurch gleichsam einen Schutzwall um denTempel bilden. In der Ptolemäerzeit fällt auf, dass die Tempel einer göttlichen Mutter oder Vater geweiht sind, deren Kind das Heil der Welt bewirkt; seine Geburt ist das wichtigste Fest des Jahres. Ab dem Neuen Reich ist die Decke des Tempels durch fliegende Vögel und astronomische Konstellationen als Himmel gestaltet: Der Tempel mit seinen Reliefs ist ein Abbild der Welt und all dessen, was der König und die anderen Gottheiten tun, um sie lebendig zu erhalten und periodisch zu erneuern.

 

Die früheste Szene, die überhaupt in Gräbern von nicht-königlichen Personen erscheint, zeigt den Grabbesitzer, Mann oder Frau, an einem mit Speisen beladenen Tisch sitzen. Diese Szene blieb zu allen Zeiten die wichtigste wegen des Glaubens der Ägypter, dass der Körper für das Jenseitsleben nötig sei und ernährt werden müsse. An diesen Kern lagern sich seit der 4. Dynastie grosse, stehende Figuren des Grabbesitzers und seiner Familie an. Ferner gehören Reihen von Männern und Frauen dazu, die Lebensmittel herbeitragen, Haufen von Lebensmitteln, und Opferlisten. Im Lauf der 4. und 5. Dynastie wurde ein Grundbestand an Szenen entwickelt, die alle dem wirtschaftlichen Leben auf Erden entliehen sind. Es geht um die Reproduktion von Pflanzen und Tieren und um die Produktion von Gebrauchsgütern. Die Szenen werden immer von einer grossen, stehenden oder sitzenden Figur des Grabbesitzers dominiert, der die Arbeiten, die auf mehreren kleinen, dicht mit Figuren gefüllten Streifen dargestellt sind, überwacht. Für diese Arbeiten auf den Gebieten des Ackerbaus, der Viehzucht, des Fisch- und Vogelfangs, des Handwerks und des Transports wurde ein festes Repertoire an Formulierungen entwickelt, aus dem man jeweils einige auswählen und neu kombinieren konnte. Die einzigen Szenen, in denen der Grabbesitzer selbst aktiv auftritt, sind diejenigen der Jagd im Papyrussumpf oder in der Wüste. Ihre grosse Bedeutung geht daraus hervor, dass sie sehr gross und oft in axialsymmetrischer Wiederholung dargestellt werden. Als vierter wichtiger Komplex kommt das Bestattungsritual hinzu, das aus vielen Szenen bestehen kann. Im Alten und Mitleren Reich sind in den Gräbern von Beamten praktisch nie Gottheiten, Könige oder religiöse Szenen dargestellt.

 

Im Neuen Reich treten wichtige Änderungen der Thematik ein. Der König wird nun oft dargestellt, insbesondere zeigt der Grabbesitzer gerne, wie er vom König wegen seiner Verdienste belohnt wird. Die religiösen Szenen, die das Jenseits beschreiben, werden immer häufiger und verdrängen zuletzt alles andere. Gegelentlich kommen auch Szenen vor, die man sonst nur in den Tempeln findet, wie das Krönungsjubiläum des Königs, und der König, der einem Gott opfert. In der thebanischen Nekropole sind über die Hälfte der Gräber gemalt. In vielen Fällen sind es die kleineren Gräber, die weniger reichen Leuten gehörten; die Malerei ist aber in dieser Zeit künstlerisch innovativer und lebendiger als das strenge Relief.

 

Für das 1. Jahrtausend ist charakteristisch, dass man auf ältere Epochen zurückblicken und sich Themen von überall her holen kann: aus den Königsgräbern die mythologischen Szenen vom Jenseitsleben, und aus den nicht-königlichen Gräbern die Szenen des täglichen Lebens, des Bestattungsrituals und der Anbetung von Totengöttern.  - Die spätesten Reliefs finden sich im römischen Alexandrien in Katakombengräbern. Hier kommt das traditionell nur in Tempeln gebräuchliche Schema des Königs, der vor einer Gottheit opfert, vor, wobei der Verstorbene selbst der Gott sein kann in seiner Erscheinung als Osiris.

 

Die Ägypter empfanden das starke Bedürfnis, ihre Religion in Bilder zu fassen und diese durch Beischriften zu erklären. Im Zentrum standen zum einen der König in seiner Eigenschaft als Gott, der mit den anderen Göttern zusammen die Welt in Gang hält, und zum andern das Jenseitsleben des Herrschers und der Angehörigen der Oberschicht, die mit dem König in Beziehung standen. Das flache Relief erwies sich als das perfekte Mittel, die Aktivitäten des Königs und der Götter sichtbar zu machen und zu verewigen. Ägyptische Bilder setzen sich stets aus Figuren und Schrift zusammen, waren doch die Hieroglyphen selbst kleine Bilder, die ins grosse Bild integriert wurden; nur Zeichnung und Wort zusammen konnten eine gültige Aussage machen. Das Prinzip ist demjenigen der modernen comic books ähnlich. Die Reliefs der Tempel und Gräber erzählen keine Geschichten. Sie unterscheiden sich dadurch grundsätzlich von dem, was wir von späteren Kulturen, besonders der christlich-abendländischen, gewohnt sind. Das ägyptische Relief protokolliert vielmehr symbolische Handlungen aus dem Leben des Königs, der Götter und der Angehörigen der Oberschicht, und Arbeitsprozesse aus dem Leben der Landarbeiter, Handwerker, Priester, Schreiber, Diener und Soldaten. Immer ist es eine fiktive Welt, die wir vorgeführt bekommen: Die Götter sprechen in liebender Eintracht mit dem König, alle Feinde brechen tot zusammen, alle Menschen sind gleich jung und schön, die Ernten sind überreich, die Viehherden unzählbar, alle Beutetiere werden erlegt. Die fiktive Welt wird aber dadurch, dass die Figuren und Inschriften in die steinerne Wand gehauen werden, Realität. Die Ägypter trauten den Bildern und den geschriebenen Worten die Kraft zu, das, was sie beschrieben, auch zu bewirken. Die Tempel und Gräber mit all ihren Reliefs, die die Wände bedecken, ihren Kulten, die gefeiert, und ihren Opfern, die dargebracht werden, wirken auf das Leben zurück, indem sie es regenerieren. Darum mussten die Bilder und Worte in Stein festgehalten werden, der nie zu existieren aufhört.