Maya
Müller
[Original
German text of the article / deutscher Originaltext des Artikels „Relief
Sculpture“, Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt, (ed.: Donald Redford), Vol.
III, Oxford University Press 2001, 132-139]
Das Relief war das
wichtigste und verbreitetste künstlerische Medium überhaupt, das die Ägypter
verwendeten. Es entstand auf der Schwelle zur historischen Zeit, gegen Ende des
4. Jahrtausend v. Chr., zugleich mit der Erfindung der Schrift, in seiner
frühesten Form. Das eigentliche Relief, so wie die Ägypter es verstanden, diente
der Dekoration der Wände von monumentalen Steinbauten. Sein Gebrauch war auf den
sakralen Bereich beschränkt, denn nur die Tempel und Gräber waren aus Stein
gebaut, die Wohnhäuser und Paläste dagegen aus Lehmziegeln. Das ägyptische
Relief hat ein spezifisches Ansehen, das es nur im Niltal gibt und sonst
nirgends auf der Welt. Es ist ungewöhnlich flach - die Höhenunterschiede
betragen selten mehr als einige Millimeter - und es ist meistens bunt bemalt. Es
besteht stets aus Bild und Inschrift. Es überzieht die ganze Wand mit Ausnahme
einer niedrigen Sockelzone, nicht nur einzelne architektonische Elemente oder
Wandabschnitte. In der 4. Dynastie fing man an, die Gebäude mit Reliefs
auszuschmücken, und sie eroberten mit der Zeit sämtliche Wände eines Raumes und
sämtliche Räume eines Gebäudes, innen und aussen, einschliesslich der
Türumrahmungen, Säulen, Architrave und Decken. In den Tempeln findet man fast
ausschliesslich Reliefs, in den Gräbern ist es zwar sehr häufig, konnte aber
gelegentlich durch Wandmalerei ersetzt werden. Schon früh war die
Sakralarchitektur nicht mehr denkbar ohne Reliefs, und es entstanden im Lauf der
ägyptischen Geschichte eine derartige Menge, dass sie, wenn man sie
nebeneinander stellte, viele Kilometer/Meilen bedecken würden. Sie enthalten ein
Kompendium der Religion, das aber den Wissensstand der ägyptischen Theologen
voraussetzt und für uns Heutigen sehr schwer zu interpretieren
ist.
Die Königsgräber und Tempel
waren Götterresidenzen, in denen sowohl der verstorbene König als Gott, als auch
alle anderen Gottheiten wohnten. Die Botschaft der Reliefs und Inschriften
richtete sich in erster Linie an den Inhaber, sie waren nicht ein Medium der
Kommunikation mit der Bevölkerung. Die Bauinschrift von Edfu sagt, dass Priester
und Gelehrte kommen sollten, um den Tempel anzusehen und das Werk des Königs zu
bewundern (um 100 v. Chr.). Über die direkte Funktion der Reliefs gibt es keine
Quellen. Es ist aber klar, dass die Reliefs eine politisch-theologische Aussage
über den König als Lenker der Welt machen. Die Reliefs zeigen, dass er es ist,
der die Hauptrolle innehat, nicht die Götter: Er besiegt die Feinde, vollzieht
alle denkbaren rituellen und symbolischen Handlungen, feiert Feste und agiert
als Priester. Die Götter unterstützen ihn liebevoll dabei. Politik und Theologie
können nicht getrennt werden in Ägypten, weil der Herrscher zugleich ein Gott
ist. Viele Szenen beschreiben Rituale, die im Tempel vollzogen werden, viele
reflektieren ein hochentwickeltes theologisches Wissen um die Vorgänge, die sich
in einer höheren Sphäre zwischen den Gottheiten und dem König abspielen und die
der Erhaltung der Welt dienen. Die Reliefs bestätigten offenbar den Konsens der
Oberschicht über die Rolle des Königs. Die Bauwerke insgesamt sind eine
Demonstration von Macht und Grösse des Herrschers.
Die Gräber nicht-königlicher
Personen sind deren Residenz für das Jenseitsleben. Die oberirdischen Räume, wo
sich die Reliefs und autobiographischen Texte befinden, waren für Angehörige und
Besucher zugänglich. Die Bilder konzentrieren sich besonders auf die Arbeit der
Unterschicht, die vom Grabbesitzer initiiert und kontrolliert wird; es geht um
die Produktion von Lebensmitteln und Gütern und die Reproduktion des Viehs. Das
Grab soll den Namen des Besitzers leben lassen und sein segensreiches Wirken
perpetuieren.
Die frühesten Reliefs
erscheinen an grossen Weihgaben, die in die Tempel gestiftet wurden, wie
Schminkpaletten und Keulenköpfe der Dynastie 0 (um 3100). In frühdynastischer
Zeit finden sich die ersten Stelen. Das sind persönliche Memoriale, die zu den
Gräbern gehören und später in immer grösserer Zahl auch zu den Tempeln. Sie sind
die wichtigsten Träger von Reliefs nebst den Wänden von Gebäuden. Ab der 3.
Dynastie beginnen die Wände der königlichen Pyramidenkomplexe, Tempel der Götter
und Gräber der Beamten, sich mit Reliefs zu überziehen. Zur gleichen Zeit setzen
auch die Felsreliefs ein, die man bei den Minen und Steinbrüchen des Sinai, der
östlichen Wüste und Nubiens antrifft; sie repräsentieren die ägyptische
Herrschaft am Rand der
zivilisierten Welt. Auch grosses steinernes Mobiliar der Tempel wie Altäre,
Schreine, Obelisken und Pyramidia können mit Reliefs verziert sein, und in den
Gräbern sind es die Sarkophage. Die Statuen tragen Reliefs auf dem Sockel und
dem Rückenpfeiler, und ab dem 11. Jahrhundert v. Chr. können sogar auf der Figur
selber Darstellungen eingemeisselt sein. Kleine Luxusobjekte des Haushalts wie
Kästchen, Gefässe und Möbel können Reliefs aus Holz, Fayence und Metall
haben.
Die Herstellung eines
Wandreliefs ist aufwendig. Es ist immer eine Teamarbeit, an der mindestens drei
spezialisierte Künstler teilnehmen. Zuerst bringt der Zeichner mit Pinsel und
Tusche die Vorzeichnung auf der Wand an. Dann tritt der Bildhauer in Aktion, der
die Darstellungen und Hieroglyphen ausmeisselt. Und schliesslich erscheint der
Maler, um das Bild so vollständig zu bemalen, wie wenn es sich um Wandmalerei
handelte. Heute allerdings ist die Farbe nur noch an wenigen Orten erhalten. Das
Relief wurde in zwei Techniken ausgeführt: Die eine Art ist das erhabene Relief,
bei dem sich die Figuren einige Millimeter über den Grund erheben. Die andere
Art ist das versenkte Relief. Hier wird der Umriss der Figuren einige Millimeter
in den Grund eingetieft. Wenn das Licht über das Bild streift, entstehen starke
Schatten in den Vertiefungen, daher wurde diese Technik für Reliefs an den
Aussenwänden von Gebäuden angewandt. Über die Werkstätten sind wenig Nachrichten
überliefert. Die wichtigsten Werkstätten waren immer dort, wo der König
residierte, denn er war der Auftraggeber der Tempel und der königlichen
Grabanlage. Und wo der König lebte, lebten auch die hohen Beamten, die die
Auftraggeber ihrer Gräber waren. Das Relief, dessen Herstellung bedeutende
Mittel erfordert, ist eine typische Hofkunst, und es ist oft ein
Qualitätsgefälle feststellbar vom Hof zur Provinz und zu den weniger begüterten
Auftraggebern.
Es sind keine Namen von
Künstlern, die in Relief arbeiteten, und selten persönliche Stilmerkmale
überliefert. Dazu hätte es einer hochgezüchteten Vorstellung von Individualität
bedurft, die jedoch erst bei den alten Griechen entstanden ist. Das ägyptische
Relief ist vielmehr durch eine starke Bindung an die Tradition gekennzeichnet.
Die Regeln der Kunst bildeten sich am Anfang der historischen Ära heraus und
wurden in den Werkstätten jeder neuen Generation als ein kostbares Gut
weitergegeben. Darum vollzog sich von der 1. Dynastie bis zur Römerzeit nur ein
allmählicher, wenig auffälliger Stilwandel. Die Initiative zur Innovation lag
ganz beim König, und so kommt es, dass unter jedem neuen König eine neue
Stilvariante entwickelt wurde. Stilunterschiede, die zwischen Reliefs aus der
gleichen Zeit bestehen, stehen am ehesten mit der Art der Aufgabe in
Zusammenhang, die der Werkstatt gestellt war, d.h. es wurde unterschiedlich
gearbeitet, je nach der Funktion des Gebäudes, der Grösse des Reliefs oder der
Gesteinsart, die verwendet wurde. Nur selten können wir einen Stil einem
bestimmten Ort zuordnen.
Schon mit dem ersten
Erscheinen des Reliefs in der Dynastie 0 sind die Konventionen der Darstellung
weitgehend ausgebildet. Das Relief ist so gut wie zweidimensional, es kennt die
Perspektive nicht. Die menschliche Gestalt, die Tiere, Pflanzen und Dinge werden
nach festen Regeln aufgebaut, die sich während drei Jahrtausenden nur
unwesentlich ändern sollten. Ebenso streng geregelt ist die Art, wie man mehrere
Figuren zu einer gemeinsamen Handlung, d.h. einer Szene, zusammenfügt, und wie
man eine Wand gliedert. Es handelt sich um ein einzigartiges Produkt des
ägyptischen Geistes, das zu den auffallendsten visuellen Merkmalen dieser Kultur
gehört. Am Anfang sind die Proportionen der Figuren noch unsicher, in der 3.
Dynastie ist das System aber bereits voll entwickelt. Betrachten wir eine
stehende Figur eines Königs, Gottes oder Grabbesitzers, wie sie zu vielen
Tausenden zu allen Zeiten vorkommen: Die Figur ist fast nur durch ihren Umriss
bestimmt, sie ist eine gezeichnete Silhouette mit minimaler Tiefe, feinste
Abstufungen innerhalb weniger Millimeter ergeben die Modellierung . Der Körper
ist sehr schlank, aber natürlich proportioniert. Die Blickwinkel, unter denen
die einzelnen Körperteile gesehen werden, sind sehr unterschiedlich: Den Kopf
sieht man von der Seite, das Auge aber von vorne. Die Schulterpartie ist von
vorne gesehen, der Rumpf von den Achselhöhlen an abwärts etwa von der Seite,
auch die Arme und Beine sind von der Seite gesehen. Der Betrachter realisiert
aber nicht, dass sich die Körperteile in ihren Stellungen widersprechen, weil
der Körper praktisch flach und ohne Knochen und Muskeln dargestellt ist.
Der Aufbau der Figur macht
es offensichtlich, dass der ägyptische Künstler ein ganz anderes Verhältnis zur
Realität, d.h. zu Raum und Zeit, hatte als der europäische seit der klassischen
Antike. Der Körper entwickelt sich nicht im Raum, er nimmt keine Tiefe ein,
sondern es liegen alle Teile genau parallel zur Bildfläche. Dank dieser
zweidimensionalen Ausführung ergeben die Umrisslinien geometrische Figurationen:
Der Oberkörper bildet ein symmetrisches Dreieck, und dasselbe gilt für die Beine
mit dem Becken. Der Körper ist somit nach zwei widersprüchlichen Prinzipien
aufgebaut: Er kombiniert die natürlichen Proportionen mit dem symmetrischen
Doppeldreieck. Diese Verbindung ist es, die den „typisch ägyptischen“ Eindruck
hervorruft.
Die Figuren werden zu
Gruppen von mehreren Personen zusammengestellt, die zusammen etwas tun. Die
Figuren stehen alle auf einer horizontalen Linie. Da es keinen Raum gibt, können
die Figuren nur von links nach rechts aufgereiht sein oder umgekehrt. Es wurden
zwei Mittel verwendet, um die Figuren miteinander in Beziehung zu setzen: die
Überschneidung und die Symmetrie. In vielen Fällen überschneiden sich die
Figuren so stark, dass sie eine enge Staffel bilden. Es kommen hauptsächlich
zwei Arten von Symmetrie vor: die translationale Symmetrie, bei der eine Figur
oder ein Motiv mehrmals wiederholt wird, indem man es seitwärts verschiebt; und
die axiale Symmetrie, bei der eine Figurengruppe oder ein Motiv aus zwei
spiegelbildlichen Hälften besteht. Oft werden auch beide Arten kombiniert.
Bewegung entsteht durch Anordnung der Figuren oder ihret Extremitäten in
diagonaler Richtung, und zwar gerne parallel zueinander. Die Komposition der
Gruppen hat oft ornamentalen Charakter, bezeichnend ist ein schöner Gleichklang
der Linien, eine virtuos gehandhabte Ästhetik der Regelmässigkeit, eine
Harmonie, die von der Symmetrie ausgeht.
Eine Wand wird gewöhnlich in
mehrere Streifen eingeteilt, die durch horizontale Linien getrennt sind. Diese
Ordnung wird aber immer wieder unterbrochen, weil Götter, Könige und
Grabbesitzer viel grösser dargestellt sind als gewöhnliche Leute und mehrere
Reihen von kleinen Szenen zusammenfasseb. Besonders wichtige Szenen werden
zweimal spiegelbildlich wiederholt, und zwar oft neben einer Tür.
Das Relief stellt, da es
fast zweidimensional ist, nur sehr bedingt die räumlich-zeitliche Realität dar.
Die Geometrie und die Symmetrie, die darin wirksam sind, veranschaulichen eine
überzeitlich unveränderliche Welt. Die Ägypter waren wenig interessiert an den
einmaligen, flüchtigen historischen Ereignissen, sondern vielmehr an den
feststehenden Verhaltensmustern, an einer harmonischen Ordnung. Das
Darstellungssystem beweist: es findet wenig Entwicklung statt, aber man hat die
Sicherheit, dass die Welt so, wie sie ist, in Ordnung ist und immer so bleiben
wird.
Was die Stilentwicklung
angeht, so ändern sich vom Alten Reich bis in die 18. Dynastie vorwiegend die
Proportionen der Figuren. Eine wesentliche Stiländerung ist aber
charakteristisch für die Amarnazeit. Alles wird von einer grossen Dynamik
erfasst. Es werden lauter aktuelle Handlungen des Königs und der Grabbesitzer
dargestellt, die an konkreten Schauplätzen wie den Tempeln und Palästen der
Stadt Amarna stattfinden. In der 26. Dynastie tritt das erstaunliche Phänomen
des Historismus auf: In den Gräbern reicher, gebildeter Beamter erscheinen
Reliefs in Stilen mehrerer früherer Epochen. Von der 30. Dynastie bis in die
Römerzeit ist stellenweise ein hellenistisch-ägyptischer Mischstil anzutreffen.
Eine letzte wirkliche Stiländerung ist in den Tempeln der Ptolemäerzeit zu
beobachten: Das Relief ist etwas höher und die Figuren haben etwas mehr
Körperlichkeit, da sie mit weichen Wölbungen modelliert sind. Der freie Platz um
die Figuren ist dicht mit kleinteiliger Ornamentik gefüllt. Sehr typisch ist die
Einordnung der Szenen auf den Wänden in ein regelmässiges System von Rechtecken,
das leblos und starr wirkt.
Im frühen Alten Reich, unter
König Snofru, um 2500, erscheinen erstmals Serien von Reliefszenen an den Wänden
im königlichen Pyramidenkomplex. Das Dekorationskonzept, das von da an gültig bleiben sollte, ist schon
weitgehend vorhanden: Die Sockelzone der Wand enthält eine Reihe von Nilgöttern,
die die Fruchtbarkeit des vom Nil bewässerten Bodens darstellen. Auf dem
Bildstreifen darüber treten eine Reihe von Szenen auf, die jede den König bei
einem rituellen Akt zeigen, sei es allein oder mit einer Gottheit zusammen. Der
König kann neben einem symbolischen Objekt stehen, oder er führt einen Lauf aus
und hält symbolische Objekte in den Händen. Er hebt eine Keule, um einen am
Boden liegenden Feind totzuschlagen, oder er steht in einem Boot im Papyrussumpf
und jagt Vögel. Oft steht er neben einer Gottheit, die ihn umarmt oder küsst. Er
kann der Gottheit auch einfach gegenüberstehen, wobei beide ein Zepter halten,
oder die beiden führen gemeinsam das Ritual der Gründung eines Tempels aus,
indem sie z.B. Stäbe in den Boden schlagen. Über dem König schwebt oft ein Falke
oder Geier, zwei schützende Mächte, mit denen er verbündet ist. Oben ist die
Wand durch ein schmales, mit Sternen bedecktes Band abgeschlossen, das den
Himmel darstellt. Der König trägt einen kurzen Schurz, der in mehreren Varianten
auftritt, an dessen Gürtel stets ein Tierschwanz hängt, und mehrere Typen von
Kronen. Wenn er in einen kurzen oder langen Mantel gehüllt ist, geht es darum,
das Jubläum seiner Krönung zu feiern.
An Szenen, die in der 5.
Dynastie hinzukommen, seien einige genannt, die zeigen, was die Götter für den
König tun: Eine Göttin säugt stehend den als grosses Kind dargestellten König.
In einer grossen Huldigungsszene thront der König zwischen zwei Göttern, die ihm
Leben spenden, während lange von Reihen von Göttern und Höflingen ihn
beglückwünschen. Andererseits erscheint der Herrscher in Gestalt eines Sphinx,
der die Feinde niedertritt. Die Gottheiten werden als Männer und Frauen
dargestellt, die oft ein kronenartiges Symbol auf dem Kopf tragen. Einige Götter
haben einen Tierkopf oder einen mumiengestaltigen Körper. - Die Art, wie König
und Götter miteinander umgehen, zeigt, dass er voll integriert ist in seine
göttliche Familie, und überdies ist der König so oft dargestellt, dass es klar
wird, dass er der wichtigste und aktivste Partner ist. Die erwähnten Merkmale
von König und Gottheiten - Trachtelemente, Insignien, Tierköpfe und Kronen -
können in vielen verschiedenen Kombinationen vorkommen und bilden ein komplexes
Zeichensystem, das etwas aussagt über Charakter, Rang und Funktion des Trägers
in einem bestimmten Kontext; die Ägyptologie ist noch weit davon entfernt, es
fertig entschlüsselt zu haben.
Ab dem Mittleren Reich
werden die Opferszenen immer häufiger, in denen der König einer Gottheit eine
Gabe überreicht; er tritt hier in der Rolle des Priesters auf. Ab dem Neuen
Reich werden Rituale wie die tägliche Pflege des Kultbilds gerne ausführlich als
Folge von vielen Szenen geschildert. Dazu kommen Prozessionen, Feste und
mythische Ereignisse. Schliesslich stellt man sogar historische Ereignisse dar,
wie besonders siegreich bestandene Kriege. Den Szenen von Eroberungen und
Schlachten wird dadurch eine tiefere Bedeutung verliehen, dass sie über den
aktuellen Anlass hinaus ganz allgemein die Vernichtung der Feinde durch den
göttlichen König demonstrieren und dadurch gleichsam einen Schutzwall um
denTempel bilden. In der Ptolemäerzeit fällt auf, dass die Tempel einer
göttlichen Mutter oder Vater geweiht sind, deren Kind das Heil der Welt bewirkt;
seine Geburt ist das wichtigste Fest des Jahres. Ab dem Neuen Reich ist die
Decke des Tempels durch fliegende Vögel und astronomische Konstellationen als
Himmel gestaltet: Der Tempel mit seinen Reliefs ist ein Abbild der Welt und all
dessen, was der König und die anderen Gottheiten tun, um sie lebendig zu
erhalten und periodisch zu erneuern.
Die früheste Szene, die
überhaupt in Gräbern von nicht-königlichen Personen erscheint, zeigt den
Grabbesitzer, Mann oder Frau, an einem mit Speisen beladenen Tisch sitzen. Diese
Szene blieb zu allen Zeiten die wichtigste wegen des Glaubens der Ägypter, dass
der Körper für das Jenseitsleben nötig sei und ernährt werden müsse. An diesen
Kern lagern sich seit der 4. Dynastie grosse, stehende Figuren des Grabbesitzers
und seiner Familie an. Ferner gehören Reihen von Männern und Frauen dazu, die
Lebensmittel herbeitragen, Haufen von Lebensmitteln, und Opferlisten. Im Lauf
der 4. und 5. Dynastie wurde ein Grundbestand an Szenen entwickelt, die alle dem
wirtschaftlichen Leben auf Erden entliehen sind. Es geht um die Reproduktion von
Pflanzen und Tieren und um die Produktion von Gebrauchsgütern. Die Szenen werden
immer von einer grossen, stehenden oder sitzenden Figur des Grabbesitzers
dominiert, der die Arbeiten, die auf mehreren kleinen, dicht mit Figuren
gefüllten Streifen dargestellt sind, überwacht. Für diese Arbeiten auf den
Gebieten des Ackerbaus, der Viehzucht, des Fisch- und Vogelfangs, des Handwerks
und des Transports wurde ein festes Repertoire an Formulierungen entwickelt, aus
dem man jeweils einige auswählen und neu kombinieren konnte. Die einzigen
Szenen, in denen der Grabbesitzer selbst aktiv auftritt, sind diejenigen der
Jagd im Papyrussumpf oder in der Wüste. Ihre grosse Bedeutung geht daraus
hervor, dass sie sehr gross und oft in axialsymmetrischer Wiederholung
dargestellt werden. Als vierter wichtiger Komplex kommt das Bestattungsritual
hinzu, das aus vielen Szenen bestehen kann. Im Alten und Mitleren Reich sind in
den Gräbern von Beamten praktisch nie Gottheiten, Könige oder religiöse Szenen
dargestellt.
Im Neuen Reich treten
wichtige Änderungen der Thematik ein. Der König wird nun oft dargestellt,
insbesondere zeigt der Grabbesitzer gerne, wie er vom König wegen seiner
Verdienste belohnt wird. Die religiösen Szenen, die das Jenseits beschreiben,
werden immer häufiger und verdrängen zuletzt alles andere. Gegelentlich kommen
auch Szenen vor, die man sonst nur in den Tempeln findet, wie das
Krönungsjubiläum des Königs, und der König, der einem Gott opfert. In der
thebanischen Nekropole sind über die Hälfte der Gräber gemalt. In vielen Fällen
sind es die kleineren Gräber, die weniger reichen Leuten gehörten; die Malerei
ist aber in dieser Zeit künstlerisch innovativer und lebendiger als das strenge
Relief.
Für das 1. Jahrtausend ist
charakteristisch, dass man auf ältere Epochen zurückblicken und sich Themen von
überall her holen kann: aus den Königsgräbern die mythologischen Szenen vom
Jenseitsleben, und aus den nicht-königlichen Gräbern die Szenen des täglichen
Lebens, des Bestattungsrituals und der Anbetung von Totengöttern. - Die spätesten Reliefs finden sich im
römischen Alexandrien in Katakombengräbern. Hier kommt das traditionell nur in
Tempeln gebräuchliche Schema des Königs, der vor einer Gottheit opfert, vor,
wobei der Verstorbene selbst der Gott sein kann in seiner Erscheinung als
Osiris.
Die Ägypter empfanden das
starke Bedürfnis, ihre Religion in Bilder zu fassen und diese durch Beischriften
zu erklären. Im Zentrum standen zum einen der König in seiner Eigenschaft als
Gott, der mit den anderen Göttern zusammen die Welt in Gang hält, und zum andern
das Jenseitsleben des Herrschers und der Angehörigen der Oberschicht, die mit
dem König in Beziehung standen. Das flache Relief erwies sich als das perfekte
Mittel, die Aktivitäten des Königs und der Götter sichtbar zu machen und zu
verewigen. Ägyptische Bilder setzen sich stets aus Figuren und Schrift zusammen,
waren doch die Hieroglyphen selbst kleine Bilder, die ins grosse Bild integriert
wurden; nur Zeichnung und Wort zusammen konnten eine gültige Aussage machen. Das
Prinzip ist demjenigen der modernen comic books ähnlich. Die Reliefs der Tempel
und Gräber erzählen keine Geschichten. Sie unterscheiden sich dadurch
grundsätzlich von dem, was wir von späteren Kulturen, besonders der
christlich-abendländischen, gewohnt sind. Das ägyptische Relief protokolliert
vielmehr symbolische Handlungen aus dem Leben des Königs, der Götter und der
Angehörigen der Oberschicht, und Arbeitsprozesse aus dem Leben der Landarbeiter,
Handwerker, Priester, Schreiber, Diener und Soldaten. Immer ist es eine fiktive
Welt, die wir vorgeführt bekommen: Die Götter sprechen in liebender Eintracht
mit dem König, alle Feinde brechen tot zusammen, alle Menschen sind gleich jung
und schön, die Ernten sind überreich, die Viehherden unzählbar, alle Beutetiere
werden erlegt. Die fiktive Welt wird aber dadurch, dass die Figuren und
Inschriften in die steinerne Wand gehauen werden, Realität. Die Ägypter trauten
den Bildern und den geschriebenen Worten die Kraft zu, das, was sie beschrieben,
auch zu bewirken. Die Tempel und Gräber mit all ihren Reliefs, die die Wände
bedecken, ihren Kulten, die gefeiert, und ihren Opfern, die dargebracht werden,
wirken auf das Leben zurück, indem sie es regenerieren. Darum mussten die Bilder
und Worte in Stein festgehalten werden, der nie zu existieren
aufhört.