Maya Müller

 

RE UND RE-HARACHTE / RE AND RE-HORAKHTY

 

[Original German text of the article / deutscher Originaltext des Artikels „Re and Re-Horakhty“, Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt, (ed.: Donald Redford), Vol. III, Oxord University Press 2001, 123-126]

 

 

Re ist der Sonnengott. Sein ägyptischer Name ist rcw und wird normalerweise mit der Sonnenscheibe geschrieben. Er wird oft Rehhorakhty genannt, „Re (ist) der Horus des Horizonts“; dies ist als ein Beiname zu verstehen , der den Charakter des Gottes erklärt. Re war der wichtigste Gott Aegyptens, weil er es war, der die Welt geschaffen hat. Sein Charakter ist von demjenigen des Gestirns abgeleitet, das ihn verkörpert. Schon im alten Reich wird er beschrieben als „glorious, shining, besould, strong, mighty, far-reaching, far-striding“. Die kosmische Dimension des Gestirns übersteigt alles menschliche Mass. Der Lauf der Sonne generiert die Zeit. Nach ihrer nächtlichen Abwesenheit steigt sie jeden Morgen mit unerschütterlicher Regelmässigkeit aus dem Horizont empor. Die überragende Bedeutung Res ist darin begründet, dass der Sonnenaufgang das Symbol der uranfänglichen Schöpfung ist, und der tägliche Lauf der Sonne das Symbol der zyklischen Erneuerung der Welt. Re ist als Schöpfer der Herr des Lebens. Der zweite Faktor, der bestimmend ist für die Bedeutung des Re, ist seine unlösbare Verbundenheit mit dem König. Der Herrscher auf Erden und der Herrscher des Universums sind gleicher Natur, der eine ist das Spiegelbild des anderen. Im alten Aegypten sind theologisches und politisches Denken nicht unterscheidbar, die Figur des Königs steht immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Rang einer Gottheit oder eines Menschen bemisst sich nach der Nähe zu ihm.

 

Der Sonnengott ist ein religionsgeschichtlich  interessanter Fall, denn er war am Anfang der geschichtlichen Zeit noch nicht da; vielmehr kann man beobachten, wie sich sein Bild von der späten 2. bis zur 5. Dynastie entwickelte, und zwar analog zu demjenigen des Königs. Der König erscheint von Anfang an als Gott und Mensch zugleich, und sein göttlicher Aspekt verkörpert sich im Falken, der Horus von Edfu genannt wird. In der 4. Dynastie wird die Beziehung zwischen regierendem König und Sonnengott definiert, indem der König zum „Sohn des Re“ erklärt wird. Zugleich wird eine Beziehung zwischen dem königlichen Falken und Re hergestellt, indem sich beide im Symbol der geflügelten Sonnenscheibe vereinigen, das bis ans Ende der ägyptischen Geschichte in Tempeln und auf anderen religiösen Denkmälern der omnipräsente Begleiter des Königs bleiben sollte. Die Könige der 5. Dynastie erbauten Sonnenheiligtümer neben ihren Pyramidenanlagen in der Nekropole von Abusir. Sie unterscheiden sich grundlegend von anderen Tempeln dadurch, dass sie einen grossen, offenen Hof haben, in dem sich ein hoher Sockel mit einem Obelisken erhebt; davor steht ein grosser Opferaltar. Re hat, ungleich den anderen Gottheiten, kein Sanktuar mit Kultstatue, denn sein Kultbild ist die Sonne selber, die täglich auf der Spitze des Obelisken erscheint. Anstelle des Obelisken können auch das Pyramidion und mehrere Arten von Pfeilern als seine Symbole auftreten. In dieser Zeit muss auch der wichtigste Tempel des Re, derjenige von Heliopolis, entstanden sein, der aber vollständig zerstört ist. Der ägyptische Name der Stadt wird mit einem Pfeiler geschrieben, der einem Obelisken ähnelt. Die frühesten Darstellungen des Sonnengottes als Mann mit Falkenkopf und Sonnenscheibe haben sich in den königlichen Pyramidentempeln erhalten.

 

Die wichtigste Quelle für den Sonnengott des Alten Reiches sind die Pyramidentexte, eine Spruchsammlung aus den Königsgräbern der späten 5. und 6. Dynastie, die das Schicksal des Königs im Jenseits beschreiben. Der Protagonist ist wiederum der König, der allerdings im Tode eins wird mit seinem himmlischen Vater Re. Die Texte zeugen von einem hochentwickelten theologischen Denken. Der Sonnengott ist nicht ein fest umrissenes Individuum, sondern er vereinigt mehrere Namen und Gestalten in sich, die bald identisch sind mit ihm und bald als selbständige Gottheiten agieren. Die Vielfältigkeit ist Ausdruck seiner gesteigerten Fähigkeiten. Die Pyramidentexte beschreiben Re als Sonne, die morgens im östlichen Horizont aufgeht, und zwar tut er dies in seiner Gestalt eines Skarabäus, dessen Name Khoprer ist und „der Entstehende“ bedeutet; der Skarabäus in seiner Barke wird vom Urgewässer Nun emporgehoben. Tagsüber überquert er als Re den Himmel in einer Barke, begleitet von einem grossen Gefolge von Göttern; wenn er des Abends untergeht, ist sein Name Atum. Niemand kann seinen Lauf aufhalten. Jeden Abend wird er von der Himmelsgöttin Nut verschluckt, die ihn jeden Morgen neu gebiert. Kronen und Thron charakterisieren Re als Herrscher. Die zentrale Fähigkeit des Sonnengottes ist seine Schöpferkraft. Die Pyramidentexte erzählen keine Mythen, aber sie zitieren vielfach die Geschichte von der Erschaffung der Welt: Am Anfang war Re in seinem Namen Atum, der von selbst entstand. Er erhob sich als Benben-Stein, d.h. in Form eines obeliskenartigen Pfeilers, im Tempel des Benu-Phoenix in Heliopolis, der Pfeiler-Stadt. Dann spie er Shu und Tefenet aus, das erste Götterpaar, das die Luft und die Feuchtigkeit verkörpert. Sie zeugten Geb und Nut, Erde und Himmel, und diese brachten zwei Götterpaare hervor, Osiris und Isis, Seth und Nephthys. Damit war die Great Ennead of gods vollständig und die Welt konnte funktionieren.

 

Re, der Schöpfer, setzt sich von Anfang an mit seinem Gegenpol, dem Tod auseinander. Aus den Pyramidentexten erfahren wir, dass der Tod nicht das Ende des Lebens ist, sondern im Gegenteil sein Urquell. Der Tod nimmt Gestalt an in Osiris, der von seinem feindlichen Bruder Seth ermordet und sodann von Re auferweckt wurde, damit er über die Verstorbenen herrsche. Das Bindeglied zwischen Re und Osiris ist der verstorbene König, der sich mit beiden identifiziert. Re hat nicht eine Familie wie die anderen Götter; als Gestirn steht er ausserhalb der normalen Kategorien. Es steht ihm aber sein Auge, die Sonnenscheibe zur Verfügung, um Geschöpfe aus sich zu entlassen. Diese sind (unter anderen) sein Sohn, der König, und die Göttin Hathor, die das  weibliche schöpferische Prinzip verkörpert, denn sie gebiert und nährt ihre Geschöpfe mit Milch; als Zeichen ihrer Verbundenheit mit Re trägt sie die Sonnenscheibe auf dem Kopf. Die engste Verbündete Res ist die Göttin Maat, die Verkörperung der rechten Ordnung und Wahrheit; sie ist das unverbrüchliche Prinzip seiner Herrschaft.

 

Im Mittleren Reich tritt uns ein neues Bild von Re entgegen. Mehrere Hymnen an den Sonnengott berichten, dass er die Welt einzig um der Menschen willen schuf. Sie sind seine Abbilder und er machte für sie alles, was sie zum leben brauchen. Das Böse kam aber nicht von ihm, sondern aus ihren eigenen rebellischen Herzen; dafür werden sie im Jenseits zur Rechenschaft gezogen. Mit seinen Strahlen, die in jeden Körper eindringen, erforscht und kontrolliert er die Menschen, den Gehorsamen belohnt er, den Ungehorsamen zerstört er. Auf Erden tut dies der König an seiner Stelle. Auch die Beziehung des Re zu Osiris, dem getöteten und auferstandenen Gott, wird neu geregelt. Alle Menschen werden nun im Tod zu Osiris. Re verleiht ihm seine Macht, indem er ihm seine Krone aufs Haupt setzt, und er wacht über ihn auch des Nachts, wenn er durch die Unterwelt fährt. Die Phase der morgendlichen Neugeburt der Sonne in Gestalt des Skarabäus wird jetzt in ein Symbol gefasst, das Skarabäus-Amulett aus Stein, das bald eine ungeheure Verbreitung findet als wichtigstes Glückszeichen überhaupt. Die „politische Theologie“ wird ausgebaut: Die Namen mehrerer anderer Götter, die eine Schöpfer- oder Herrscherrolle spielen können, werden mit „Re“zusammengesetzt, so besonders der Name des Amun-Re, des neuen Götterkönigs von Theben. Re implantiert sich gleichsam in andere Götter und erweitert dadurch sein Potenzial.

 

Die Verehrung  des Re erreicht ihren Höhepunkt im Neuen Reich. Auf den Wänden der Königsgräber sind jetzt die sogenannten Jenseitsführer angebracht, die in Wort und Bild die nächtliche Fahrt der Sonne durch die Unterwelt schildern. Das Kennzeichen des nächtlichen Re in seiner Barke ist der Widderkopf. In der fünften Stunde vereinigt er sich mit seinem Leichnam, der zugleich Osiris ist. Die Sonne erleidet hier den Tod, der das neue Leben generiert. In der 6. Stunde wird Apophis getötet, eine Schlange, die das Böse verkörpert. Apophis will die Schöpfung vernichten, aber das Leben ist definitiv stärker. In der 12. Stunde verjüngt sich Re im Leib einer Schlange und wird als Skarabäus neu geboren. Zu den neuen Kompositionen gehört auch die Sonnenlitanei, die beschreibt, wie sich der König mit den 75 nächtlichen Gestalten des Re identifiziert und wie Re und Osiris eins werden in der Tiefe der Nacht. In den Gräbern der Beamten tritt Re auf ganz andere Weise in Erscheinung: Am Eingang sind die Sonnenhymnen aufgeschrieben, die Res Schöpfertaten preisen. Der Verstorbene will am Tag frei das Grab verlassen können, um die Sonne zu sehen, denn der Anblick des Re verjüngt ihn täglich in Ewigkeit. Man wagt aber auch sich vorzustellen, dass der Sonnengott am Ende der Ewigkeit seine Schöpfung zunichte machen könnte; dadurch gewinnt das theologische Denken eine philosophische Dimension.

 

Texte, die Mythen erzählen über Re, gibt es nur im Neuen Reich. Sie kreisen um zwei Themen: Zum einen wird Re altersschwach und müde und richtet deswegen die Welt so ein, dass er nicht mehr persönlich eingreifen muss; er übergibt die Macht Horus bzw. dem König. Zum andern zeugt Re selber den Thronfolger, der also sein leiblicher Sohn ist. - Im Neuen Reich gehörte zu manchem Tempel ein offener Hof mit Altar für Re. Dort wurde ein spezifischer Sonnenkult zelebriert: Zu jeder Stunde des Tages rezitierte der Priester, der idealerweise der König ist,  eine von zwölf poetischen Hymnen, die den Siegeslauf der Sonne vorhersagen. Auf  den Wänden der Tempel kann die neugeborene Sonne nun als hockendes Baby dargestellt werden und der erwachsene Sonnengott als Mann mit Menschenkopf. Der regierende König ist seit Amenhotpe III nicht nur der Sohn des Re, sondern er fühlt sich derart eins mit Re, dass er sich selber als „dazzling sun“ bezeichnet. Sein Sohn Amenhotpe IV schuf sogar eine monotheistische Sonnenreligion, indem er Re, den er Aton nannte, zum einzigen existierenden Gott überhaupt erklärte. Nach Echnatons Tod wurde diese Idee aufgegeben und die Theologen machten aus Amun-Re einen universellen  „Weltgott“, der Himmel, Erde, Götter und Menschen umfasst und am Leben erhält.

 

Im ersten Jahrtausend v.Ch. werden die königlichen Jenseitstexte des Neuen Reiches demokratisiert und Auszüge daraus kommen bis in die frühe Ptolemäerzeit gelegentlich in Gräbern, auf Papyri und Sarkophagen vor. Jedermann kann jetzt in der nächtlichen Barke des Re mitfahren. Darüberhinaus wird ein neues Bild des Sonnengotts entwickelt: Auf  den gemalten Särgen der 3. Zwischenzeit erscheint Reharachte-Atum in der Mumiengestalt des Osiris und wird vom Sarginhaber als Herrscher des Jenseits angebetet. Dies ist die Verschmelzung von Re und Osiris, wie sie für die gewöhnlichen Sterblichen galt; im königlichen Jenseits war sie schon im Neuen Reich vollzogen worden in einem momiformen Bild des Gottes mit Widderkopf. Die magisch-mythischen Papyri, die Lebende und Tote beschützen sollen, stützen sich stark auf die Sonnensymbolik: Sehr häufig ist die Sonnenlaufdarstellung, ein Bild, das die Tages- und die Nachtfahrt des Re mitsamt dem Höhepunkt der Wiedergeburt am Morgen zusammenfasst. Die Gläubigen sichern sich damit ihre eigene Regeneration. Die Sonnenlitanei wird weiterentwickelt, indem man neue, oft groteske Figuren zu den früheren Gestalten des Re hinzufügt. Eine neue Erscheinung sind  Listen, die die 12 Gestalten des Re in jeder Stunde des Tages beschreiben. 

 

Unter den Amuletten, die zum Schutz der Toten auf die Mumie gelegt wurden, treten nun mehrere solare Symbole auf, the sun-in-the-horizon, the sun disc, the celestial barque, the double lion and the obelisk. Ferner der Hypocephalus, eine Scheibe, auf der Re als nächtlicher Gott mit vier Widderköpfen abgebildet ist. Viele Gestalten und viele Köpfe zu haben steigert die Macht des Gottes. Gesamthaft verliert aber Re während des ersten Jahrtausends an Bedeutung, je mehr das Königstum durch eine Abfolge von mehreren Fremdherrschaften geschwächt wird.

 

Selbst in griechisch-römischer Zeit entstehen noch neue magisch-mythologische Papyri, die den Lauf der Sonne reinterpretieren, vor allem das Buch vom Fajjum. Es schildert, wie Re in Sobek, den Krokodilsgott der Oase Fajjum, eingeht und während der 12 Stunden der Nacht als Krokodil durch den Fajjum-See schwimmt.

In den magischen Texten ist Re immer noch die höchste Macht,derer sich der Zauberer bedienen kann, wenn er beweist, dass er sie ganz genau kennt, daher spielt die Aufzählung der 12 Gestalten der Tagessonne eine wichtige Rolle, oder die Liste der Gestalten, die im Akt der Schöpfung aus Re als Khoprer, der Morgensonne, herauskamen.

 

Im grossen Horus-Tempel von Edfu spielt Re eine dominierende Rolle, weil er identifiziert wurde mit Horus von Edfu und dessen Hauptsymbol, der Flügelsonne. An der Decke einer Kapelle sind die zwölf Gestalten des Re als Tagessonne dargestellt, und neu ist auch die Darstellung der 14 Ka-Kräfte des Re. Der Sonnengott ist sogar der Protagonist einer dramatischen Erzählung, die den Sieg der Flügelsonne über die Feinde der Schöpfung ausmalt. Weil die Könige der griechisch-römischen Zeit aber Fremde waren, war die Theologie des Re zu einer rein akademischen Uebung geworden, die auf diePriesterschaft beschränkt blieb und nichts mehr zu tun hatte mit dem lebendigen Glauben des Volks.